Die Eisprinzessin
Der Köhler saß wippelnd auf seinem Hocker vor dem Tresen der Dorfkneipe und schimpfte vor sich hin : « Diese Scheißweiber! Das einzige, was bei diesen Weibsbildern zählt, ist Knete! Was ist aus den Mädchen geworden, die noch von der wahren Liebe träumen? Die noch wissen, was es wert ist, ehrlich geliebt zu werden ! Die einem Mann auch dann folgen, wenn er arm ist, nur weil er sie zu lieben weiß ! Bah, das war einmal, heute träumen sie alle nur noch von Glitzer, Tand und Diamanten. »
Es waren keine Gäste mehr da, und der Kneipenbesitzer, ein großer, rundlicher Mann mit Bart und sonst gutmütigen Gesicht, guckte jetzt ungeduldig auf den schon ziemlich betrunkenen Mann mittleren Alters, dem man noch den Rest an Attraktivität ansah, die er mal in jüngeren Jahren besessen haben mußte. Jetzt aber sah man ihm mehr und mehr sein schweres Leben als Köhler an, die Entbehrungen durch die Armut und den Alkohol, in den er sein ganzes Geld investierte.
Der Wirt setzte ihn letztendlich dann doch vor die Tür, trotz des Mitleids, den er versteckt in sich fühlte. Aber was denn! Würde er weniger saufen, hätte er vielleicht doch eine Frau abbekommen... die nicht nur auf Geld aus war..
Der Köhler stolperte auf die Straße. Es war Winter und es schneite in dichten, großen Flocken. Der Köhler nahm den Weg in Richtung seiner Köhlerhütte, aus dem Dorf heraus und durch den Wald. Der Weg war eine einzige Eisbahn unter seinen unsicheren Füßen. Der pudrige Schnee fiel auf eine harsche Eisschicht, die Zeuge eines harten Winters war.
Er näherte sich der alten Buche, der man nachsagte, sie wäre der Sammelplatz der Geschöpfe der Traumwelt. « Kinderei! » schimpfte der Köhler, als er auf die Buche zuging und an die Geschichten dachte, die a propros ihrer erzählt wurden. Er glaubte nicht an solch' einen Unsinn, nicht mal stockbesoffen, wie er war. Upsa, hier war's aber glatt. Sprach's, rutschte aus und fiel längst in den Graben. Er versuchte sich wieder hochzurappeln und aus dem Graben zu krabbeln, als er in einiger Entfernung eine tänzelnde Schneewolke sah, die sich wie eine Windhose in die Höhe schlängelte und sich immer mehr zu verdichtete, bis sie undeutlich eine schlanken Frauenkörper formte, der mit dem Schneewirbeln einen Reigen tanzte.
Er schüttelte sich mehrmals, wie um sich aufzuwecken, krabbelte dann mühselig aus dem Graben, während die Frauengestalt - oder was wie eine solche schien- sich langsam von ihm wegentfernte in Richtung Fichtenwald. Er folgte der Erscheinung, halb hypnotisiert, halb ängstlich-neugierig, den Wind im Rücken, der ihm voranzukommen half. Bald hatte er den Fichtenwald erreicht und eine zwar äußerlich friedliche und innerlich beklemmende Stimmung empfing ihn dort. Der Wind wurde durch die Bäume abgemildert, der Himmel schien sich schwarz zu färben, es waren aber nur die hohen Baumwipfel, die ein Dach über seinem Kopf schlossen und ihm den Blick auf den schneesturmdurchzogenen Himmel nahmen, die Geräusche des Sturmes wurden ebenfalls abgemildert und drangen nur wie in Watte gepackt zu seinem Ohr. Die Frauengestalt war immer noch im gleichen Abstand vor ihm, aber er traute sich nicht, sich zu nähern, auch auf die Gefahr hin, sie hier im Wald zu verlieren. Sie tanzte jetzt gemäßigter, harmonischer, ohne von den Windwirbeln geführt zu werden Jetzt schien sie von selbst zu tanzen. Sie tanzte um die Bäume, wie um sie zu verzaubern, schwebte durch zwei nah einanderstehende Fichten, unter zwei schwer vom Schnee nach unten gebogenen Ästen, die, auf halben Weg sich treffend, ein Tor formten, .... und war verschwunden! Nanu, der Köhler stutzte, dann, von der Angst ergriffen, die Gestalt zu verlieren, hechtete auf die beiden das Tor bildende Ästen zu und blieb dann abrupt unschlüssig davor stehen. Der Schnee, der die Äste nach unten gedrückt hatte, so daß sie sich berühren konnten, rieselte langsam herunter. Würden die Äste, von der Schneelast befreit, nach oben schnellen, gäbe es kein Tor mehr...der Köhler kam gerade noch durch, bevor es sich auflöste.
Auf der anderen Seite war kein Fichtenwald mehr, sondern eine riesige tropfsteinartige Hôhle, in der sich ein mattes Licht ohne erkennbare Lichtquelle ausbreitete und trügerische Schattenspiele hervorzauberte. Er selbst befand sich auf einer glatten, weiße Fläche, die eine Art Weg bildete, der nicht mal einen 1/2 Meter breit war. Der Köhler konnte nicht erkennen, was neben dem Weg war. Ging es da in die Tiefe? Oder war dort etwas unterhalb wieder ein Grund, den er wegen der diffusen Beleuchtung nicht sehen konnte? Auch konnte er weder links noch rechts eine Begrenzung der Höhle erkennen. Er sah nur Felsen, die hervorsprangen und dunkle, unbeleuchtete Spalten - aber was war darin, wie tief waren sie? Langsam machte er einen vorsichtigen Schritt nach dem anderen auf der scheinbar glatten Fläche. Zu seinem Entsetzen hörte er seine Schritte nicht. Dabei ging er doch mit Nagelsohlen auf einer harten Fläche, die wie Mamor spiegelte, in einer riesigen Höhle, in der das Echo das Fallen eines Wassertropfen die Luft mit seinem Widerhall laut hätte erfüllen müssen und ihn die Größe der Höhle hätte vermuten lassen können. Aber es umgab ihn nur eine furchtbare Stille und so hart er auch aufzutreten versuchte, kein Laut und erst recht kein Echo war zu hören. Das Herz war ihm dermaßen klamm, daß er kein Laut herausbekam, als er rufen wollte. Er ging immer hastiger den Weg folgend, und nach einer Wegbiegung befand er sich plötzlich in einer großen Halle. Er hatte keine « Biegung » bemerkt, aber es mußte ja eine gewesen sein - wie sonst kam es, daß er die, doch nur wenige Schritte seit dem Baumtor liegende Halle nicht hatte sehen können? Dort war die Frauengestalt wieder, sie tanzte wie eine Schlittschuhläuferin ohne Schlittschuhe, und ohne Kufengeräusch. Die glatte Fläche reflektierte die Tänzerin nicht. Ihre Haare flossen silbrig glänzend über den Rücken bis auf den Rock, in den sie überzugehen schienen, so daß man meinen könnte, der Rock war aus ihren Haaren geformt. Ihre Haut, pudrig-matt, ließ keine Tönung erkennen, wirkte wie stumpfes Porzellan. In ihren Augen ohne Farbe blinkten Eissternchen und auf ihrem schönen Gesicht lag eine schwere Mischung aus unerschütterlichen Frieden und tiefer Traurigkeit. Als ob innere Einsamkeit ihr gleichzeitig Frieden und Trauer gaben Sie blieb stehen, drehte sich nach ihm um, als hätte sie auf ihn gewartet und sprach ihn ohne Lippenbewegungen an. Es war keine Stimme, die endlich diese erdrückende Stille hätte zereißen können, sondern Schwingungen, die erst in seinem Inneren des Kopfes eine Stimme formten, so, als spräche eine aus seinem eigenen inneren kommende Stimme zu ihm. Auch sprach sie in keiner definierbarer Sprache zu ihm. So, wie man Gedanken hat, die man nicht in eine Sprache kleidet, so hatte auch diese Stimme keine Worte; Sie forderte ihn auf, ihr zu folgen, was er mechanisch und ohne eigenen Willen tat. Ihr Kleid rauschte nicht, auch ihre Schritte hallten nicht. Sie führte ihn in ein Zimmer, daß nur durch Dunkelheit, aber nicht durch Wände begrenzt war. In seiner Mitte stand ein imposantes Himmelbett, daß aus demselben Stoff wie ihr Kleid gemacht zu sein schien. Sie drehte sich langsam zu ihm um, während ihm das Herz noch weiter in die Hose rutschte. Er starrte hypnotisiert diese wunderschöne Frau an, ihren Busen unter dem dünnen Stoff, in dem aber kein Herz zu schlugen schien, er sah die mageren Halsknochen, die genauso fleischlos aussahen wie ihre schlanken langen Arme und Finger. Er steckte vorsichtig seine zitternde Hand nach ihrem Arm aus- und fuhr zurück! Sie war brennend kalt, wie gefrorenes Eisen, an dem man festbrennt. « Bleibe bei mir » sagte sie. »Dein Wunsch zu lieben, und geliebt zu werden, werden mich wärmer machen. Ich gebe Dir alle Reichtümer der Welt, und alle Aufmerksamkeit, nach der Du Dich so sehnst, und ich verlange nichts von Dir, außer, daß Du mich liebst. » Er erschauerte. Er wurde wieder der Stille gewahr, die ihm seine Schläfen wie einem Schraubstock zusammenpreßte. Er fühlte seinen Körper erkalten, von ihnen ausgehend; Panik breitete sich in ihm aus, er wollte schreien, davon rennen, aber es war, als wäre sein Kôrper schon ohne eigenes Leben und er konnte ihn nur noch noch fühlen, aber ihm nicht mehr befehlen.....

Man fand ihm nächsten Tag erfroren in dem Graben neben der alten Buche. « Da ist er sicher besoffen, wie er gestern war, reingefallen und dort eingeschlafen », sagten die Leute im Dorf.

Februar 1999

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