Die Käferelfe
Es war einmal....(alle schönen Geschichten beginnen so. So also auch diese)...: ein kleine Elfe, groß wie ein Käfer, die saß auf einem großen, betörend-riechenden Fliederstrauch.

Es ist Anfang Mai und die Geschichte spielt in einem Land, das weit weg von hier ist und dessen geographischen Daten nicht mit Exaktheit überliefert sind. Aber das Land liegt wohl in einer Gegend mit gemäßigtem Klima, mit sonnigen Sommern, grauen Wintern, in denen es nur in den kältesten Wochen richtig schneit, veregneten Herbsten und herrlichen Früjahren.
Es ist also einer dieser wunderbaren Frühjahre, in denen die Natur in all ihrer Kraft erwacht und mit ihr die Liebe, das Vertrauen ins Leben und die Elfen. Denn im Winter - zumindest in den Ländern mit kalten Wintern- verlangsamen die Elfen ihren Rythmus bis hin zur Winterstarre. In letzterem Fall versteckt sie sich in einer großen leeren Weinbergschneckenschale oder, wenn sie keine findet, in einer leeren Bierdose. Dann kann es passieren, daß sie im Frühjahr etwas angeheitert erwachen.
Aber unsere kleine Käferelfe auf dem Flieder ist nicht betrunken, wenn nicht von dem berauschenden Duft der Blüten, dem lieblichen Gesang der Vögel und den sanften Sonnenstrahlen, die erwärmen ohne zu verbrennen.
Nur leider sind die Gedanken dieser entzückenden Elfe alles andere als der friedlichen Frühlingsstimmung angepaßt. Sie denkt an nichts anderes als wie sie dem kleinen Jungen, der in dem Haus wohnt, zu dem der Garten gehört, einen bösen Streich spielen kann. Denn dieser Junge beschießt die Insekten des Flieders immer mit seiner Steinschleuder und unterscheidet dabei nicht zwischen Bienen, Schmetterlingen, Käfern oder Elfen. Aber das hätte ihn auch nicht entschuldigt, denn es ist nicht verwerflicher, auf einen Schmetterling zu schießen als auf einen Käfer. Nein, nein, so oder so ist es eine Gemeinheit und verdient, bestraft zu werden !
Als also der Junge am Mittag aus der Schule kommt und seine Steinschleuder nimmt, um damit auf die Insekten zu zielen, geht die Elfe zum Angriff über. Sie surrt immer um seinen Kopf herum, schlägt ihm mit den Flügeln ins Auge, zieht ihn an den Wimpern, beißt ihm in die Wange, fliegt fast in sein Ohr und je mehr der Junge um sich schlägt, um dieses widerliche und gemeine Insekt zu verscheuchen, um so mehr ärgert ihn die Elfe.
Der Junge, einsehend, daß er dieses Biest nicht los wird, flüchtet letzendlich schreiend und schon mit Angstschweiß auf der Stirn ins Haus, « Mammmiii »
Die kleine Elfe dagegen kichert hämisch und streckt ihm die Zunge raus. « So, das soll ihm als Lektion genügen ! » Aber da irrte sich die Elfe. Am nächsten Tag hatte der Bube nichts besser zu tun, als sofort nach der Schule wieder seine Steinschleuder zu holen und ausgerechnet auf die Käferelfe, die gerade langausgestreckt auf einem Fliederblatt lag und sich von der Sonne den Bauch streicheln ließ, zu schießen. Mit Kirschkernen. Und so fiel die Elfe, schwer getroffen von dem großen Geschoß - denn ein Kirschkern ist für eine Elfe, die kaum größer als ein Käfer ist, ein enormer Brocken- von dem Blatt. Aber sie hatte eine schnelle Reaktion und sie fing sich, bevor sie auf dem Boden aufprallen konnte. Uff, sonst wäre die Geschichte hier zu Ende gewesen. So aber begann sie sofort mit ihren Attacken auf den Jungen, diesmal noch mehr in Rage als den Vortag . Sie kniff ihm in die Nase, biß ihn in die Ohren, flog ihm mit aller Kraft ins Auge und zog ihn an den Haaren. Der Junge flüchtete sofort ins Haus und ging den Ganzen tag auch nicht mehr aus.
Und als der Junge am nächsten Tag aus der Schule kam, wartete die Elfe gar nicht mehr, sondern griff ihn sofort an, so daß der Junge sich auch an diesem Nachmittag nicht mehr aus dem Haus traute. Am darauffolgenden Tag ließ ihn die Elfe dann in Ruhe und es schien, der Junge hatte seine Lektion gelernt. Er machte einen Riesenbogen um den Fliederbusch und mied sogar meistens den Garten.
Aber dennoch hatte der Junge noch immer seine Steinschleuder in der Hand, noch immer die Taschen gefüllt mit Steinen…wofür das ? Um damit auf Katzen zu schießen, die in der Sonne Schmetterlinge und Heuschrecken jagen. Aber das, das interessierte die Elfe nicht mehr. Im Gegenteil, mit Zufriedenheit beobachtete sie das gemeine Spiel. Sollten die Katzen sich doch von jemand anderen helfen lassen ! Im innigsten Frieden und Wohlbehagen streckte sie sich auf ihrem Fliederblatt aus.
Und wenn sie nicht gestorben ist, liegt sie da heute noch.

Mhh, ich hatte eine schöne Geschichte angekündigt,... Aber im Laufe des Schreibens wurde sie dann doch nicht das, was ich angestrebt hatte. Vielleicht liegt es daran, daß Käferelfen eben egoistische Wesen sind.

(04. Mai 1999)