Langsam tropft das Öl meiner Pizza auf den Tisch, an dem ich sitze, vor mir steht ein belgisches Bier mit einer Zitronenscheibe darin. Hier gibt es die beste Pizza von Aix-en-Provence und in Frankreich ist nur das belgische Bier genießbar. Der Garçon läßt mich meine am Nachbarstand gekaufte Pizza essen, obwohl ihre Bar selbst Pizzen und Sandwiches anbietet. Ich beobachte die Leute, ärger mich über die Autos, die sich vor mir durch die Gasse quetschen und dessen Abgase sich mit dem Geruch meiner Pizza mischen.
Über ein Jahr ist es jetzt her, daß ich von der Provence weggezogen bin. Es scheint mir seltsam, daß ich hier vier Jahre gelebt haben soll. Kein Nostalgiegefühl will sich einstellen. Obwohl ich jede Straße und jeden Winkel kenne, fühle ich mich fremd hier, genauso, wie ich mich während der ganzen vier Jahre hier gefühlt habe. Pietro mag diese Stadt, aber ich kann keine Verbindung zu ihr herstellen. Nicht, daß ich nicht hier leben könnte, jetzt, wo ich mehr Geld habe und mir hier eine zivilere Wohnung leisten könnte - ohne Schimmel und mit einer Heizmöglichkeit darin. Aber ich würde mich hier nie heimisch fühlen. Nicht heimisch und nicht mal willkommen, so wie ich das in der Bretagne oder auf Sizilien war, obwohl ich natürlich auch dort immer die "Fremde" war und bleibe.
Nein, zu viele Touristen sind hier in der Provence und zu viele mißtrauische Einheimische. Hier ist zuviel Geld von den Superreichen: Franzosen aus den anderen Teilen Frankreichs, Holländer, Deutsche, Engländer, die sich in ihren Villen abschotten und sich in der Provence heimisch zu fühlen glauben, und von den Einheimischen zutiefst verachtet werden. Diese Einheimischen, die nur zwei Hobbys pflegen: Pastis- und Rotweintrinken und das Schießen auf alles, was sich bewegt, die Hunde der Jagdkumpanen und den holländischen Pilzsammler mit eingeschlossen. Hier können sich sogar die Gerüche ins Negative umkehren: wenn ich unter sengender Sonne in der trockenen Garriguelandschaft spazieren gehe, strömen Pinien, Thymian, Lavendel und Rosmarin so einen schweren übermannenden Geruch aus, dass mir unter der stechenden, feindseligen Hitze die Sinne schwinden und ich Kopfschmerzen bekomme. Selbst der Geruch des Ginsters wird mir hier oft schwer und unerträglich. Die Provence läßt hier alles einander gegenüberstehen: Der enorme Reichtum und die Villen mit Swimmingpool der einen und die ärmlichen, dunklen, ohne Heizung ausgestatteten Ruinen der anderen. Die zwei gegensätzlichsten Städte, die man sich denken kann, Aix-en-Provence und Marseille, sind hier nicht einmal 30 km auseinander. Die eine reich, versnobt, bürgerlich und voll mit Touristen, Luxusstudenten, Modepüppchen und supercoolen Typen, die andere der größte Schmelztiegel Frankreichs, in der es enorme Arbeitslosigkeit, Kriminalität und viel krummes und viel vitales Leben gibt. Der Provencler ist direkter Sproß norditalienischer Einwanderer, aber er mag keine Italiener. Er haßt den Deutschen im Besonderen, und den Holländer und Engländer im Allgemeinen.
Der Provencler hat keine Identität, wenn nicht die, die er in seiner ungemütlichen Bar in seinem ungastlichen Dorf in einem Glas Pastis mit seinen Kumpanen findet, den er anlügt, sobald sie das Wort aneinander richten.
Alle, die hier regelmäßig Urlaub machen, lieben die Provence. Ich nicht. Vielleicht, weil ich hier keinen Urlaub gemacht habe.

Ausschnitt:

Ankunft in Aix-en-Provence: ein einziger Wahnsinn (Kapitel 3)

Schimmel. Elektroschock und Wasservergiftung (Kapitel 6)

Zahnarzttermin in der tiefen Provence (Kapitel 5)

Demnächst ist der ganze Roman als Ebook erhältlich! Den Link dazu findet ihr dann hier.