Kurzgeschichte

Foto: Ioana Motoc (pexels.com)

Draußen war Herbst und es stürmte. Ich saß im Café über einem Cappuccino und wollte eigentlich die Sonntagszeitung durchlesen. Ich kam aber nur bis zur Schlagzeile, als ein Kunde die Tür aufstieß und sich ein heftiger Windstoß ausbreitete. Unwillkürlich fröstelte es mich.

Ein Mann mittleren Alters, ziemlich groß und stämmig, mit einem Salafistenbart und längeren Haaren, die so zurückgekämmt waren, dass deutlich seine Geheimratsecken hervortraten, schlenderte mit schlaksigem Gang, der gemessen an seiner gewaltigen Schulterbreite irgendwie seltsam anmutete, auf meinen Tisch zu. Nachdem ich mit meinem Blick durch das Dickicht seines Bartwuchses gedrungen war, fielen mir sehr schmale Lippen auf und vermutlich ein kleines Kinn. Es war durchaus möglich, dass dieser Mann eigentlich ein Spitzmausgesicht haben würde, wenn man ihm die ganze Haarmasse herunterrasierte.

„Hey, ‘tschuldigung, ist hier noch frei?“, sprach er mich an. Er hatte jedenfalls eine Spitzmausstimme und ich musste mich zusammenreißen, nicht lauthals loszulachen. Ich nickte ihm bejahend zu. Er schälte sich aus seinem ausladenden Wettermantel, der fast bis zum Boden reichte und hing ihn über die Stuhllehne. Darunter trug er einen einfachen schwarzen Rollkragenpullover über einer ausgebeulten Jeans. Ohne den riesigen Wettermantel mit Schulterpolstern wirkte er plötzlich nur noch halb so massiv, eigentlich war er sogar hagerer Statur, zu der nun seine sehr schmale Nase, um die ihn jedes weibliche Modell beneidet hätte, optisch gut passte. Während er mit einer weichen Bewegung nach der Stuhllehne griff, suchte er mit dem Blick die Bedienung und ein kleiner Brilli in seinem linken Ohrläppchen blitze auf. Er ließ sich auf den Holzstuhl plumpsen, der nun Gott sei Dank unter seinem tatsächlichen Gewicht keine Knackgeräusche von sich gab, sondern nur ein leises „Quietsch“.

„Hallo? Einen grünen Tee bitte?“, rief er der Bedienung zu.

„Irgendwie entpuppte sich nach und sein ganzes erstes Erscheinungsbild als Fake“, dachte ich innerlich in mich hinein grinsend. Nach seinem ersten Eindruck hätte ich dem Mann niemals grünen Tee zugetraut, jetzt passte es plötzlich gut. Vermutlich meditierte er auch nach dem Aufstehen, anstatt mit der Morgenröte überhaupt erst nach Hause zu kommen, fuhr mit dem Fahrrad anstatt einem schwarzen Mercedes Benz mit getönten Scheiben und rauchte selbstgedrehte Zigaretten anstatt einer prolligen Shisha-pfeife. Aber vielleicht stimmte auch das alles nicht. Vielleicht würde ich mich jetzt zwanzig Minuten mit ihm unterhalten und sein Gesamteindruck änderte sich ein weiteres Mal komplett. Dass wir, wenn ich es zulassen würde, miteinander ins Gespräch kommen würden, stand außer Frage. Er grinste mich aus blau-grauen Augen an und entblößte eine Reihe schneeweißer, aber leicht schiefer Zähne. Er schien in schwatzhafter Laune.

„Wie ein Lächeln komplett den gesamten Gesichtsausdruck verändert“, dachte ich verblüfft und lächelte zurück. Wirkte er gerade noch ernst und verschlossen, macht er plötzlich einen angenehm offenen, sympathischen und intelligenten Eindruck auf mich. Ich betrachtete ihn nun mit unverhüllter Neugierde und war gespannt, wie er das Gespräch beginnen würde. (…)

(Ende der Leseprobe)