Kurzgeschichte, 2022

(Foto: pixabay.com)

“Nur die höhere Macht kann noch helfen”, murmelt Johannes, während er vor sich hinstarrt. Vor ihm steht ein Glas mit schwerem Rotwein, dessen dunkle, satte Farbe im Schein der Schreibtischleuchte wie geronnenes Blut wirkt. Daneben ein Notizbuch. Die aufgeschlagene Seite ist leer. Seit drei Monaten schreibt er jeden Tag ein paar Zeilen hinein, von dem ersten Tag an, als er mit dem Trinken aufgehört hat. Bis heute. Am Morgen hat er sich wieder krankgemeldet, um nicht ins Büro zu müssen. Um die Akten nicht mehr zu sehen. Um den Besuch des Landrats zu verpassen, der ihn wegen der während seines Urlaub durch einen Defekt abgetauten Kühltruhe sicher zur Rechenschaft gezogen hätte. In der Truhe waren nicht etwa Pommes und Fertigpizzen gewesen, sondern tiefgefrorene Tiere. Aus Schutzgebieten zu Forschungszwecken gesammelte Proben: Insekten, Spinnen, Amphibien, Reptilien … sogar ein tot aufgefundener Siebenschläfer. Als Johannes aus dem Sommerurlaub zurück in die Untere Naturschutzbehörde und seinem verhassten Referentenjob kam, stank das ganze Amt nach Verwesung: Die aus Kostengründen billig erworbene Kühltruhe stand in einem fensterlosen Raum mit Klimaanlage, über die dann bei 30°C mehrere Tage lang der Pestilenzgeruch in allen Räumen der Behörde verteilt wurde.

“Was für eine höhere Macht, zum Teufel?” ruft Johannes plötzlich laut heraus und sein Kater, der bis eben friedlich auf der Tastatur des Computers schlummerte, fährt erschrocken auf. Immer, wenn Johannes nicht mehr ein- noch aus weiß, lässt er sich krankschreiben. Er ist dann auch wirklich krank oder es fühlt sich zumindest so an. So auch heute. Er hat gehofft, mit dem Nüchternwerden würde es besser werden. Kommt das ganze Übel nicht vom Alkohol? Wenn er nur damit aufhört, dann wird auch alles andere besser! Der Job in der Behörde, seine Liebesbeziehungen.

“Nicht eine Veränderung der Lebensphilosophie hilft, auch sich selbst kann man nicht helfen, man soll eine höhere Macht anrufen!“ Zynisch lacht er auf. So postuliert es das ‘blauen Buch’, quasi die ‚Bibel‘ der Anonymen Alkoholiker, zu dessen Sitzungen er gegangen war. Johannes schüttelt den Gedanken ab. Er glaubt nicht daran. Nur ER kann sich helfen, nicht eine höhere Macht.

Er greift zum Glas. Nippt daran. Stellt es wieder ab. Spürt den aromatisch-sauren Taningeschmack auf der Zunge. Er nimmt noch einen Schluck, diesmal einen etwas größeren. Bereits beim Herunterlaufen der durch den Alkoholgehalt brennenden Flüssigkeit im Rachen fühlt er ein wattiges Gefühl, das sich über seine aufgewühlten Gedanken legt.

“Nur heute, um diese Stimmung zu überbrücken”, murmelt er vor sich hin und weiß doch ganz genau, dass er ab jetzt wieder erbarmungslos dranhängen wird.

„Vielleicht gibt es eine höhere Macht, einen Gott, der diese ganze wunderbare Natur geschaffen hat“, flüstert Johannes tonlos vor sich hin. Die unglaubliche Artenvielfalt, dieses faszinierende komplexe Ökosystem, wo ein Rädchen ins andere greift. Das Farbenspiel der Blätter und Blüten, die Mannigfaltigkeit der Lebensformen, der überwältigende Artenreichtum des Mikrokosmos der Kleinstlebewesen, die man nur mit dem Binokular und dem Mikroskop sehen kann.

„Der Mensch aber kann dann nur ein Werkzeug des Teufels sein, der in seinem Namen alles unwiederbringlich zunichtemacht, was Gott an Schönheit und Genialität erschaffen hat“, murmelt Johannes vor sich hin und beobachtet geistesabwesend das Auf und Ab der Brust seines wieder eingeschlafenen Katers auf der Computertastatur. Johannes vernimmt ein leises Schnurren, das die Stille im Raum sanft durchbricht.

„Und was nutzt mir ein Gott, der nicht die Macht hat, dem Werkzeug des Teufels rechtzeitig Einhalt zu gebieten?“ fragt er an den Kater gerichtet leise. Symbolisiert der fatale Widerspruch des Menschen zwischen seinem gewissenlosen Egoismus einerseits und seinem zunehmenden Bewusstsein der absoluten Notwendigkeit von Nachhaltigkeit für sein Überleben andererseits den Kampf zwischen Teufel und Gott?

„Da scheint der Teufel aber den Sieg davon zu tragen, scheint mir“, murmelt Johannes zwischen zwei weiteren Schlucken Rotwein und starrt dabei auf die leere Seite seines aufgeschlagenen Notizbuches.

Er denkt an die Kühltruhe mit den verwesten “biologischen Akten”. An den Landrat, der null Ahnung von Ökologie hat. Er denkt an seine Ex-Frau, die es nicht mehr ausgehalten hat, dass er jedes Wochenende mit den Naturschutzvereinen unterwegs war.

Seine Arbeit, sein ganzes Kämpfen für die Umwelt ist sinnlos. Wirkungslos. Sein Job bei der Umweltbehörde ist eine Farce. Seine ehrenamtlichen Vereinstätigkeit haben zu keinem nachhaltigen Effekt geführt. Nichts hat er erreicht in den letzten Jahrzehnten. Einmal erkämpfte winzige Flächen für den Naturschutz sind inzwischen doch Bauprojekten zum Opfer gefallen, die hiesigen Erdkröten, die er jedes Jahr mit treuen Mitkämpfern von den Straßenrändern gesammelt und auf die andere Straßenseite gesetzt hat, inzwischen doch in ihren trocken gelegten Biotopen ausgestorben. Der Neuntöter, wegen dem er mit den Landwirten um Weißdornhecken am Ackerrand gestritten hat, doch nie wieder zum Brüten gekommen.  Die anmoorigen Brachen mit den letzten Sumpfschrecken der Gegend sind trotz der Proteste und der Kampf auf allen Ebenen doch für Lagerhallen zubetoniert worden.

Keiner nimmt ihn ernst von den Damen und Herren im Bauamt, auch nicht der Landrat, nicht mal die Obere Naturschutzbehörde. Genauso wenig die Vorhabenträger oder Investoren. Alle wissen genau: dieser durchgeknallte weißbärtige Wissenschafts-Don Quichotte auf seinem alten Drahtesel kann ihnen gar nichts und seit Jahrzehnten lassen sie ihn mit seinem Kescher, seinen Protestplakaten und seinen Gegenanträgen ins Leere stürmen.

Ihm kommt siedend heiß die plötzliche Eingebung, dass er nicht abgestürzt ist, weil er trinkt, sondern dass er trinkt, weil er abgestürzt ist. Abgestürzt in eine völlige Hoffnungslosigkeit, ins absolut Sinnentleerte. Mit diesen über eine ganze Vegetationsperiode gesammelten Proben, die nun alle unbrauchbar sind, wollte er nachweisen, dass das kleine Naturschutzgebiet durch die Einflüsse der umliegenden Äcker den Bach runterging und dringend Verordnungen hermüssen. Den Beweis zu erbringen hatte ihm im Frühjahr Mut gemacht, als er wochenlang auf dem Gelände unterwegs war, weit über seine Arbeitszeit hinaus. Jetzt ist alles zunichte. Nichts würde er beweisen können, die Landwirte würden weitermachen wie bisher, bis der letzte Ameisenbläuling ausgerottet und der letzte Siebenschläfer verschwunden wäre. Der Teufel hat sein Werk getan. Er gießt sich sein Glas wieder voll. “Eine höhere Macht soll mir helfen? Pah. Dem Teufel gehört die Macht!” Er prostet seinem schlafenden Kater zu und nimmt einen tiefen Schluck.