Monat: Dezember 2022

Die heutige Generation der Generationen YZ

Burnout Kids und mutlose Mädchen

Foto: Yaroslav Shuraev (pexels.com)

Keine Generation ist wie die vorherige. Seit Beginn der Moderne charakterisiert sich jede Generation unterschiedlich zu der ihrer Eltern. Mit zunehmender Komplexität der Gesellschaften steigt auch der Facettenreichtum der jeweiligen Jugendgeneration. Mir erscheint, dass man bisher eine gewisse Homogenität der einzelnen Generationen beobachten konnte. Seit dem Eintritt in die digitale Revolution fällt mir jedoch ein Phänomen der mehrfachen Aufspaltung auf: es gibt heute nicht mehr „die eine“ junge Generation, sondern ich beobachte mehrere Generationen nebeneinander, die sich überlappen können, aber in vielem auch auseinanderklaffen und zum Teil diametral entgegenlaufen. „Die“ eine junge Generation scheint es so nicht mehr zu geben, sondern mehrere, zum Teil widersprüchliche. Und diese Generationen sind gefühlt auch vom Intervall her kürzer. Inzwischen spürt man schon einen Generationssprung zwischen der 6. und 9. Klasse, zwischen den Studienanfängern und den Studienabgängern, dem Azubi und dem Gesellen.

Generation YZ

Sie sind Teil der Generation „Z“, oder auch Post-Millennials genannt: Ihr werden überwiegend diejenigen zugerechnet, die zwischen 1997 bis 2012 zur Welt gekommen sind, aber je nach Autor wird auch ein Beginn zwischen 1990 und 2000 angenommen. Die vorhergehende Generation Y, die „digital natives“, geboren bis 2000, überschneiden sich mit ihnen und nicht immer erschließt sich einem die Trennung zwischen Y und Z. Das ist aber auch nicht entscheidend, denn dabei geht es nicht um die exakte Jahreszahl, sondern um das Charakteristikum, dass diese Generation von Anfang an mit den digitalen Medien aufgewachsen ist und vielleicht spricht man irgendwann auch zusammenfassend von den Generationen YZ. Ich werde diese Trennung hier deswegen auch nicht akribisch verfolgen.

Was diese Generation sonst noch so prägt, da gehen die Meinungen der Soziologen und Psychologen auseinander – je nachdem, welche der Strömung der Jugendlichen, die ich hier betrachten möchte, sie gerade beurteilen.

In einem sind sich aber wohl alle, wenn auch unterschiedlich nuanciert, einig: im Gegensatz zu allen vorherigen Generationen geht man davon aus, dass es der heutigen vermutlich nicht besser gehen wird als ihrer Elterngeneration. Diese – von denen die sehr jungen Eltern als die Generation X bezeichnet werden -, kennzeichnet, dass sie als erste Eltern nicht mehr darauf bauen, dass es ihre Kinder mal besser haben werden als sie selbst, sondern lediglich inständig hoffen, dass sie zumindest den Status quo halten können und es ihnen nicht mal weitaus schlechter gehen wird. Das erste Mal geht eine junge Generation ins Rennen, die sich mit Zukunftsängsten herumschlägt, die ihre Eltern nicht hatten, trotz des Wohlstands, in den sie hineingeboren sind. Sie sieht sich einer Welt gegenüber, dessen Geschicke sie nicht mehr in der Hand hat, sondern die bereits von ihren Eltern und Großeltern in eine Richtung geschoben wurde, die, betrachtet man das Artensterben und den Klimawandel, zum großen Teil unumkehrbar ist. Aber auch die geopolitische und ökonomische Situation wird von vielen jungen Menschen als „Schicksal“, empfunden. Ich höre viele Jugendliche, die sagen: „Ja, wie sollen wir denn wohl diese Lage ändern?“ Die Generation „Z“ und „Y“ hat, meiner Beobachtung nach, keine positive Zukunftsvision, die ihnen realistisch erreichbar erscheint. Wenn sie kämpfen, kämpfen sie gegen, aber nicht für. Kaum einer der jungen Menschen hat eine Idee davon, was man tun müsste, um es besser zu machen. Die meisten Erwachsenen allerdings auch nicht.

Drei Strömungen in der Generation XY

Diese Ausgangslage hat meiner Meinung nach zu drei wesentlichen Strömungen unter den jungen Menschen geführt: Es gibt das Lager der verzweifelten Aktivistin, dann die Blase der in virtuelle Welten Flüchtender und letztendlich derer, die versuchen, trotz pessimistischer Zukunftsaussicht irgendwie Schritt zu halten und dabei an und über ihre Grenzen kommen.

Aus der Generation „YZ“ stammt die – medial am eindrucksvollsten agierenden – „letzte Generation“. Diese machen gerade Schlagzeilen, weil sie sich auf der Straße festkleben, um mit radikalem Protest darauf hinzuweisen, dass sie eben nicht die letzte Generation sein möchten. Die Occupy-Aktivistenbewegung geht in dieselbe Richtung und vermischt sich. Ihr kann man auch ältere Semester zurechnen als nur die aus der Generation „YZ“: viel „X“ ist auch unter ihren Reihen. Sie zeichnen sich in jedem Fall durch eine radikale Form des Protestes aus und einem oft gesetzesüberschreitenden Aktivismus.

Die Generation „Fridays-for-future“ haben gleiche Anliegen wie die „letzte Generation“, denn auch sie fürchten, die letzte oder vielleicht vorletzte sein zu können, aber greifen für ihre Proteste zu weniger strafverdächtigen Mitteln. Diese Generation wird in die Geschichte eingehen, vorausgesetzt, die „letzte Generation“ behält mit ihren Ängsten nicht Recht und es wird rückblickend keine Geschichtsschreibung über die 2020er Jahre mehr geben.

Es gibt neben dieser „Generation verzweifelter Aktivisten“ aber auch noch zwei weitere Generationsströmungen.  Die einen sind eben jene, die völlig in einer Blase aus social media- und Spielsucht gefangen sind, die Augen vor allem verschließen, was in der Welt passiert und sich offenbar für nichts mehr interessieren außer für ihre Selbstdarstellung, entweder als photogeshoppte Supermodels auf Instagram, tictoc und snapchat oder als Superkriegshelden in „fortnite“ und „Game of thrones“. Sie denken nicht an die Zukunft, nicht mal an den nächsten Tag. Zumindest nicht bewusst. Aber etwas muss sie in diese Blase hineintreiben. Auch über sie wird in den Medien viel berichtet, vor allem von sorgenvollen Pädagogen und Soziologen. Ihre Motive mögen eine Synergie aus dem sein, was sie zur Generation „Z“ und „Y“ macht und dem, was die „letzte Generation“ und „Fridays for future“ bewegt, nur flüchten sie sich in Passivität, Süchte und Hedonismus.  

Ich möchte hier aber eine weitere Generationsströmung ansprechen, über die die Medien wenig berichten und die leise und fast gespenstisch neben den beiden anderen Generationsgruppen herläuft und nur Erwähnung in sozialwissenschaftlichen Abhandlungen und gehobeneren Presseartikeln findet.

Burnout Kids und mutlose Mädchen

Der bekannte Jugendpsychologe Michael Schulte-Markwort nennt sie burnout kids – erschöpfte Kinder und Jugendliche. Er hat dazu kürzlich ein Buch veröffentlicht, indem er von „Mutlosen Mädchen“ schreibt und einem neuen Phänomen, das man besser verstehen müsse. Professor Schulte-Markwort, so in einem Interview 2016, stand diesem Phänomen anfangs irritiert gegenüber, nachdem er mehr und mehr solcher jungen Patienten in seiner Praxis beobachtete. Er stellt fest, dass seine Arbeit als Psychologe sich sehr verändert habe und dass er die jungen Menschen, die in seine Praxis kommen, als „wunderbare Kinder“, sehr reflektiert, vernünftig, verantwortungsübernehmend empfinde.

Gleichzeitig sind sie wie getrieben und haben eine für junge Menschen ungewöhnliche Angst vor falschen Entscheidungen. Sie sind keine von sich überzeugte jugendliche Heißsporne, sondern eher wie verzweifelte gerade flügge gewordene Entenkinder in einem reißenden Strom, der sie pausenlos mitzureißen droht und in den sie nicht freiwillig gesprungen sind, sondern hineingestoßen wurden.  Und unter diesen gibt es zunehmend die, die so etwas wie ein „burnout“ entwickeln. Bei Mädchen beobachtet Prof. Schulte-Markwort eine besondere Form, die er als „Mutlosigkeit“ beschreibt, die sich von Depression oder „burnout“ unterscheide. Die Mädchen verfallen in eine innere Starre, möchten gar nicht mehr zur Schule, empfinden keine Freude mehr am Leben, sehen keinen Sinn.

Was die Generation Z vereint, ist die prägenden Zukunftsangst. Das „Z“ steht übrigens für „zero“, nicht für Zukunftsangst, so passend es wäre. Beunruhigend übrigens auch, dass es der letzte Buchstabe im Alphabet ist. Aber während die einen dadurch zu extremen Protestaktionen greifen, die anderen dagegen sich völlig in ihre Blase zurückziehen, Computerspielsüchte entwickeln oder in der Welt der social media leben, gibt es eben auch diese weitere Strömung von Kindern und Jugendlichen: Die unter der Last unserer Leistungsgesellschaft mit seiner schier unübersehbaren Masse an Angeboten, Erwartungen und Anforderungen so in die Knie gehen, dass sie entweder ein Burnout bekommen oder in ein Gefühl von Mutlosigkeit verfallen. Und von diesen wird meiner Meinung nach viel zu wenig geredet.

Der zeitgenössische Soziologe Hartmut Rosa hat das aktuelle Gefühl der Menschen mit einer „sich nach unten bewegenden Rolltreppe“ umschrieben: Man muss beständig nach oben gehen, um nicht unweigerlich mit der Rolltreppe nach unten zu fahren. Stehen bleiben oder langsamer werden ist zu keinem Moment erlaubt. Dabei geht es nicht einmal um den Versuch, höher zu kommen, sondern einfach nur darum, den Status quo zu halten, sich also an der gleichen Stelle auf der Rolltreppe zu halten. Prof. Schulte-Markwort sagt, die Kinder lernen, dass Stillstand Rückstand ist und dass es Stillstand nicht geben darf – nicht in der Wirtschaft, in der das Credo der Wachstum ist, nicht im privaten. Es gibt kein good-enough mehr für Kinder.

Um in dem Bild der Rolltreppe zu bleiben: Mutlose Mädchen haben einfach die Augen geschlossen und lassen sich willen- und regungslos auf dieser Rolltreppe nach unten transportieren. In einem dumpfen Gefühl der tiefen Ohnmacht in Bezug auf ihr Leben, ist es ihnen egal geworden, wo die Rolltreppe sie hinbringt.

Eine vereinzelte Hundehütte im Großbrand löschen

Diesen jungen Menschen psychologisch zur Seite zu stehen, ist der Versuch, bei einer in Flammen stehenden Mega-City nur eine Hundehütte zu löschen. Das Entscheidende wäre eigentlich, eine Gesellschaft zu schaffen, die keiner der drei Strömungen in der Generation Y und Z hervorbringen würde. Aber auch wir Erwachsenen stehen auf dieser Rolltreppe, laufen und rennen, versuchen, uns auf dem aktuellen Stand zu halten und in so einem Zustand kann man keine substanziellen Veränderungen herbeiführen. Auch nicht die Politiker übrigens, die ebenfalls auf dieser Rolltreppe Schritt halten müssen.

Auch ich fühle mich wie ein hypnotisiertes Kaninchen vor der Schlange und frage mich: wo wird uns diese unweigerlich scheinende Abwärtsspirale hinbringen? Was kann ich, eine der Letzten der Generation „Baby Boomer“, tun? Ich schreibe darüber, als wüsste ich es, aber tatsächlich ich weiß es nicht. Ich hoffe und versuche, nicht die Augen zu schließen und meinen eigenen Kindern Resilienz, Mut und die Kraft der Visionen mitzugeben. Auf die Generation XYZ kommen gewaltige Aufgaben zu und wir alten 1955-1969 Geborenen müssen ihnen dabei den bestmöglichen Weg ebnen – soviel haben wir schon verkorkst, gemeinsam mit der Kriegs- und Nachkriegsgeneration vor uns.

Und ich hoffe inständig, dass nach der Generation Z nicht wieder eine Kriegsgeneration kommt und der Kreislauf der Generationen der Moderne und Postmoderne nicht von vorn losgeht.

Quellen und Tipps:

Bildungsgespräch mit Prof. Michael Schulte-Markwort, von 2016, aber aktueller denn je. Schulte-Markwort redet über Seiten von jungen Leuten, die angenehm in eine andere Richtung geht als all‘ die Artikel und Interviews, die diese ach-so-schreckliche Digital-Jugend anklagen. Er zeichnet ein ganz anderes Bild der heutigen jungen Menschen.

Soziologe Hartmut Rosa – Jung & Naiv: Folge 611

Lanz & Precht über die Jugend von heute, vom 5.08.22

Nachtrag zu den Lesetipps: am 25.12.22. also drei Tage nach meinem Post, kamen im Tagesspiegel folgende Artikel heraus (draufklicken lohnt sich leider nur für die, die ein Abo haben):

Was junge Frauen aus der Bahn wirft : „Sie lockt nichts mehr in die Welt. Sie bleiben völlig starr zurück“

Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort stellt bei heranwachsenden Frauen eine bislang unbekannte Störung fest. Sie wirken mutlos und ziehen sich von der Welt zurück. Ein Interview.

Am gleichen Tag kam im Tagesspiegel ein weiterer interessante Artikel zum Thema Generation Z: Tagesspiegel Plus Trend „Quiet Quitting“: Will die junge Generation überhaupt noch arbeiten? Spoiler: Nein, die Autoren ( Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler und Simon Schnetzer, Volkswirt und Jugendforscher) kommen eben genau nicht zu dieser Behauptung, sondern sehen dieses Phänomen unter den jungen Menschen, mehr auf work-life-balance zu achten, eben genau in der Tatsache, dass sie die Zukunft als sorgenbesetzt ansehen und sie nicht mehr sicher sind, ob ein Hinarbeiten auf lange, entfernte Ziele sich überhaupt noch lohnt. Sie zitieren eine Studie, die auch meine These unterstützt. Zitat aus dem Artikel:

Die Trendstudie erkundet die Gründe für diese Einschätzung: Die jungen Menschen geben zu Protokoll, sie hätten in den vergangenen, von der Pandemie geprägten Jahren, das Gefühl, die beste Zeit des Lebens verpasst zu haben. Wenn sie in die Zukunft schauen, sehen sie Dauerkrisen und eine von Unsicherheit geprägte Situation – nicht nur durch die Corona-Pandemie, sondern auch durch die Klimakrise, die Kriegsangst und die Inflation.
Balance zwischen Arbeit und Privatleben
: Es ist ungewiss für sie, ob es sich lohnt, für Langzeitziele hart zu arbeiten. Die Zukunft erscheint unberechenbar. Deswegen soll die Balance zwischen Arbeit und Privatleben inklusive Freizeit stimmen. Viele der Befragten klagen über schwere mentale Belastungen und psychische Störungen bis hin zu Suizidgedanken.“

Der Artikel vermittelt aber auch aufmunterndes:

„Die Jungen wissen um ihre Markt-Macht
Die Jungen wissen, dass sie vieles fordern können, denn ihre Macht als Nachfragende am Arbeitsmarkt ist deutlich gewachsen. Weil die großen Babyboomer-Jahrgänge nach und nach aus dem Erwerbsleben ausscheiden, können sie ihre Haltung durchsetzen. Als Berufsanfänger definieren sie die Bedingungen, unter denen sie arbeiten wollen.“
Und das ist vielleicht die Botschaft, die man den jungen Menschen dringend mit auf den Weg geben muss, die das nicht verinnerlicht haben. Die beiden Autoren gehen davon aus, dass „die Angehörigen der jungen Generation mit einer intuitiv fest verankerten Burn-out-Sperre leben“. Ob ich dem so unbegrenzt Recht geben würde, bin ich nicht sicher.

In jedem Fall ein lesenswerter Artikel.

Freundschaft plus als Zeichen für Bindungsängste?

(pexels.com)

Friends with benefits“ scheint gerade bei jungen Menschen das neue Modell der Wahl

Freundschaft plus, F+ oder auch „friends with benefits“ wird zu einem immer beliebteren Beziehungsmodell unter jungen Menschen und schwappt inzwischen auch zunehmend in die Köpfe der älteren unter den sich auf dem Dating-Markt tummelnden Beziehungs(un)willigen.

„Lass uns Freunde bleiben, aber ab- und zu Sex miteinander haben“, lautet dann die Grundformulierung. Zwei wesentliche Gründe stecken dahinter: Einerseits hofft man, das Beziehungsgebilde würde dadurch unkomplizierter und andererseits möchte man sich damit seine Freiheit erhalten: Freiheit, andere Liebesabenteuer zu haben, Freiheit bei seinen Plänen keinen Beziehungspartner berücksichtigen zu müssen, Freisein von verstrickenden Gefühlen, die einen an den anderen binden. Genau die Freiheit bzw. das Fehlen von Verliebtheit soll die F+ auch unkomplizierter machen, obwohl auch sie nicht ohne klare Regeln auskommt: Keine Treue erwarten, keine Versprechungen und Verpflichtungen, die die Friendzone verlassen würden, konsequenterweise auch keine gemeinsamen Zukunftspläne. Jeder macht weiter sein Ding, ungeachtet des anderen. Eine klare Kommunikation braucht die F+ aber natürlich genauso wie die feste Beziehung. Streng genommen ist sie in jedem sozialen Miteinander nötig, so eben auch hier.

Alles entspannt also?

Die positiven Seiten liegen erst einmal auf der Hand: Ohne Treueversprechen und ohne Verliebtheit keine Eifersüchteleien, die sonst so oft Liebesbeziehung strapazieren und öfter auch zum schmerzhaften Ende führen. Beide genießen ihre Freiheit als Single, aber müssen deswegen nicht auf Sex mit einer vertrauten Person verzichten, und bekommen diesen ohne Erwartungsdruck, oft entspannter und ohne dass sich einer dazu verpflichtet fühlt. Routine schleicht sich zwischen Friends with benefits auch nicht so schnell ein. Es gibt keine Streitereien darüber, wo man gemeinsam den Urlaub verbringt, wie man die gemeinsame Wohnung einrichtet, und dass der andere schon wieder seine Klamotten im Wohnzimmer herumliegen gelassen hat. Keine Missverständnisse mehr über vermeintlichen Liebesentzug oder im Gegenteil erwürgendes Klammern. Trotzdem ist immer einer da, mit dem man nicht nur körperlich vertraut zusammenkommt, sondern der auch zuhört, mit dem man etwas unternehmen kann, mit dem man lacht und weint, wie man das eben unter Freunden tut. Man genießt alle Vorteile einer Liebesbeziehung, aber eliminiert die negativen.

Wirklich? 

Gefühle lassen sich nicht steuern. Wenn man körperlich Lust aufeinander verspürt, ist da offenbar per se schon mal mehr als nur platonische Freundschaft. Die Gradwanderung zwischen Freundschaft und einer Liebesbeziehung ist schmal. Sollte man dennoch gemeinsam in den Urlaub fahren, auch wenn man keine feste Beziehung hat? Sollte man sich nicht doch eine gemeinsame Wohnung in Form einer WG nehmen, das ist ja viel billiger und praktischer? Und ist der andere nicht doch verletzt, wenn man heute aber keine Lust auf Sex mit ihm hat? Und wie fühlt man sich, wenn der eine einem irgendwann sagt: „Du, ich möchte das Plus aus unserer F+ rausstreichen, ich habe mich in jemand anderen verliebt und mit dem möchte ich jetzt eine feste Beziehung.“ Steckt man das dann einfach weg? Und bedeutet das nicht unter Umständen auch das Ende nicht nur des Plus‘, sondern auch der Freundschaft? Und wenn man dann doch eifersüchtig ist, wenn der andere mit auf der Party wild herumflirtet, während man eigentlich gern nach der Party noch auf einen Sprung mit zu ihm gekommen wäre? Hat man dann ein schlechtes Gewissen, weil Eifersucht ja eigentlich ein Tabu in der F+ ist und kämpft mit Liebeskummer, den man nicht mal nach außen zugeben kann?

Verbirgt das Ablehnen einer festen Beziehung und das Etablieren einer Freundschaft Plus nicht vielleicht nur eine grundsätzliche Beziehungsunfähigkeit, die ja einige Psychologen bei der jungen Generation bereits festzustellen glauben? Verpassen junge Leute es so eventuell, feste Beziehungsmuster zu trainieren, ehe sie sich dann irgendwann endgültig für jemanden entscheiden möchten, mit dem sie dann vielleicht auch eine Familie gründen wollen. Sicher ist das aber nicht, denn auch Freundschaft trainieren ist ein wichtiger Grundpfeiler für eine gut funktionierende Liebesbeziehung. Und bei einer F+ geht die Freundschaft unter Umständen durch ein hartes Training.

Wie auch immer man zur friendship mit benefits steht: Es ist zwar ein anderes Modell der Beziehungsführung, aber wirklich unkomplizierter ist es in den meisten Fällen sicher nicht. Und langlebiger vielleicht auch nicht. Eine US-Studie soll belegt haben, dass F+ Beziehungen nicht langfristig funktionieren könnten. Ob eine Studie das wirklich belegen kann, angesichts der Fülle der auch kulturell bedingten Faktoren, der so eine Beziehung unterliegt, kann man in Frage stellen. Manch‘ eine Freundschaft plus soll ja auch mal in einer festen Liebesbeziehung geendet sein.

(Schönste Story dazu: Harry und Sally. Die Kinokomödie habe ich vor über dreißig Jahren gesehen, da war F+ noch gar nicht à la page. Vielleicht ist es doch nicht so eine neumodische Form, wie man glaubt?).

Ein letzter Gedanke, auch in Hinblick auf die oben erwähnte Studie: Denkbar wäre, dass jungen Menschen etwas einfacher gelänge, was ihre getrennten und wieder suchenden Mütter oder Väter nicht hinbekommen, weil die ältere Generation eher wieder in die konservativen, ursprünglich erlernten Beziehungsmuster zurückfällt, während jungen Menschen sich früh in der „modernen Beziehungsform“ der F+ trainieren und das zu ihrem Muster machen. Und Beziehungen sind ja so vielfältig wie die Menschen selbst und jede Zeit hat ihre bevorzugte Beziehungsform gehabt. Nur eins haben wohl alle Beziehungsformen, egal zu welcher Zeit, alle gemein: Einfach waren und sind sie nie, weil eben soziale Verbindungen zwischen Menschen immer komplex sind. Gott sei Dank. Wie langweilig wäre sonst das Leben?

Ein Artikel in der Women’s health online zitiert eine Studie folgendermaßen: Denjenigen, die ihre Beziehung in eine Freundschaft ohne Sex umwandeln wollten, gelang dies auch (59 Prozent). Die Paare, die eine feste Beziehung aufbauen wollten, schafften das in viel geringerer Zahl (15 Prozent). Bei der Mehrheit der Befragten (31 Prozent) war das Verhältnis aber komplett zerbrochen, inklusive der Freundschaft. In einer anderen Studie bewerteten nur 38 Prozent ihre Freundschaft plus als positive Erfahrung, 40 Prozent sagten, sie würden sich nie wieder darauf einlassen. („Sex unter Freunden: So endet ‚Friends with benefits‘ meist“, von Elina Wiesner, 04.04.2022 https://www.womenshealth.de/love/beziehungsprobleme/so-endet-freundschaft-plus-in-den-meisten-faellen/

Originalquelle der o.g. Studie: A longitudinal study of friends with benefits relationships, Laura V. Machia, Morgan L. Proulx, Michael Ioerger, Justin J. Lehmiller, First published: 20 February 2020 https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/pere.12307

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