Kategorie: Essays

Fediverse – ein besseres Social Media Universum?

Geschwister-Chat um halb sechs Sonntagmorgen

Offenbar leiden sowohl mein Bruder als auch ich an seniler Bettflucht, jeweils bei sich zuhause wach im Bett mit einem digitalen Endgerät, und das um fünf Uhr morgens am Sonntag. Mein Bruder in seinen Laken umgeben von Hunden und seiner Ehefrau, ich von Büchern – für meinen Hund ist das Bett glücklicherweise zu hoch, er würde hier auch nur weiteres Chaos anrichten… meins reicht mir völlig.

Mein Schreibplatz am Sonntag, fünf Uhr in der Früh

Der ältere meiner Brüder der hat eine Instanz für Fediverse eingerichtet und die Nachricht über Signal gestern Abend an alle Familienmitglieder verschickt.

Was zum Teufel ist Fediverse? Ich bemühe erstmal wikipedia:

„Fediverse (ein Kofferwort aus „federation“ und „universe“) oder Fediversum bezeichnet ein Netzwerk föderierter, voneinander unabhängiger sozialer Netzwerke, Mikroblogging-Dienste und Webseiten für Online-Publikation oder Daten-Hosting. Das Konzept kam 2008 mit GNU Social auf und verbreitete sich 2016 vermehrt mit Mastodon und dem 2018 vom World Wide Web Consortium (W3C) definierten Kommunikationsprotokoll ActivityPub.

Die Idee des „Fediverse“ ist, dass es möglich sein soll, ein Benutzerkonto auf einer beliebigen Plattform im Fediverse anzulegen und sich darüber mit Nutzern auf allen anderen Plattformen austauschen zu können, ohne dort ein weiteres Konto anlegen zu müssen. Ermöglicht wird das dadurch, dass die einzelnen Plattformen mittels bestimmter Kommunikationsprotokolle miteinander verbunden sind und so die föderierte Identität und Inhalte jeweils auf andere verbundene Plattformen und Instanzen verteilt werden. Diese Praxis steht im Gegensatz zu geschlossenen sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook, bei denen Benutzer ein eigenes Benutzerkonto in jedem der Netzwerke benötigen, wenn sie mit anderen Nutzern des jeweiligen Netzwerks interagieren möchten.“

Bringt mich jetzt erstmal nur bedingt weiter. Aber mein Bruderherz hat auch einen Link zu einem ausführlichen Blogeintrag eines IT-Spezialisten beigefügt: Kuketz-IT-Security, den ich mir dann tatsächlich in Herrgottsfrühe am Sonntagmorgen reinziehe. Es bleibt eine Unmenge weiterer Fragen offen und ein lebhafter Chat unter Geschwistern beginnt, in dessen Folge ich Administrator der von meinem Bruder eingerichteten neuen Fediversum-Instanz werde. Wir versuchen gemeinsam die Funktionen zu verstehen – mein Bruder hat noch nie auf Social Media Plattformen wie Instagramm, Twitter oder facebook gepostet und muss sich selbst erst zurechtfinden. Als selbsterklärend erweist sich die Plattform Mastodon, ähnlich Twitter, auf der wir uns als erstes erproben, nicht. Es geht schon los mit einem ganz neuen Vokabular: „Instanzen“ sind die eigenen Server, die jeder einrichten kann, wenn er denn das technische know-how hat. „Toot“ sind Nachrichten. „Tröten“ ist der Parallelbegriff für „twittern“ und so heißt der Button für Absenden auch „tröt“ (englisch eben toot). Der öffentliche Bereich ist die „Föderation“ oder auf Englisch „federation“. Man verlinkt bzw. vernetzt sich nicht, man federiert… da schwirrt einem gleich in der ersten Stunde der Kopf, erst recht am frühen Morgen.

Fediverse ist zwar offenbar als löbliche Kampf gegen die GAFAs[1] und den Handel mit Daten und der Einflussnahme rein unter Gesichtspunkten höchster finanzieller Einnahmen zu verstehen, aber wer von den Millionen Usern der GAFAs wird sich mit diesem komplexen Netzwerk-system auseinandersetzen? Meine Tochter, leidenschaftliche Nutzerin von Insta und snapchat sicher nicht – nicht mal mein Sohn, der die GAFAs als Gefahr für die modernen Medienlandschaft erkannt hat. Gerade bei den Jugendlichen wird es schwer an den Mann zu bringen sein.

Unterstützt wird das ganze „Projekt“ in jedem Fall von den Datenschützern, den Ministerien und der EU. Ebenso scheinen sich inzwischen einige Journalisten dort zu tummeln, die es nutzen, dass ihre Beiträge nicht von Algorithmen gefiltert werden, sondern einfach zeitlich nacheinander erscheinen (auf Fediverse demnach auch „Zeitschiene“ genannt).

Und immerhin hat sich ja zumindest Signal und Telegram auch gegen Whatsapp ein wenig durchgesetzt. Nun sind Signal und Telegram natürlich auch wieder nicht europäisch, sondern amerikanisch bzw. russisch (was für eine brisante Kombi, beides parallel zu nutzen). Offenbar schaffen wir es einfach nicht, selbst was Funktionierendes und Akzeptiertes auf die Beine zu stellen. Der Versuch mit dem schweizerischen Threema hat sich offenbar als eben zu kompliziert und mit dann wieder zu vielen Sicherheitstüren als wenig benutzerfreundlich erwiesen und ist irgendwie in der Versenkung verschwunden. Aber dennoch sind die Messanger-Dienste wenigstens nicht Teil der GAFAs und gehen anders mit unseren Daten um.

Ich denke, jeder Ansatz, den GAFAs ein wenig Einhalt zu gebieten, sollte wahrgenommen werden. Vielleicht versickert auch Fediversi wieder in der Versenkung, nachdem der Kauf von Twitter durch Elon Musk dem seit 2008 erfundenen und 2018 neu vom W3C definierten Kommunikationsprotokoll, was die Plattformen untereinander besser kompatibel machen soll, dem Ganzen vielleicht einen neuen Aufschwung gegeben hat. Und bei den vielen Angeboten und Möglichkeiten hat es ja vielleicht doch eine Chance, sich durchzusetzen.

Einen Versuch ist es allemal wert.

Eine kurze Zusammenfassung zu einer der Plattformen, Mastodon, die Twitter-Konkurrenz -> Tröten statt Zwitschern: Mastodon – das bessere Twitter?, vom 28.10.22.

Wer nicht lesen will, muss hören: Hier ein Podcast, der wirklich sehr gut und umfassend über Fediverse berichtet.

Alles über das Fediverse #komprimiert, vom 7. Mai 2022 https://besser.demkontinuum.de/

Auf der Seite, unter der Audio findet ihr ganz viele Links und Hinweise dazu: Listen von seriösen Instanzen, wo ihr euch eine Adresse einrichten könnt, Listen von den einzelnen angebotenen Plattformen und vieles mehr.

Jedem, der mit Fediverse anfangen möchte, empfehle ich diesen Podcast zur Einführung wärmstens!!

Einen Vergleich von den beiden Podcastern fand ich sehr hilfreich, um das System mit der Adresse zu kapieren: Die Adresse ist wie eine Telefonnummer. Ich bin bei einem Anbieter, aber mit meiner Telefonnummer kann ich jeden anderen anrufen, auch wenn der bei einem anderen Anbieter ist. Anbieter ist in dem Fall die Plattform, nicht die Instanz/der Server.

Und wer dann soweit ist, findet mich dann im Federations-Universum unter jannae(at)sozialer.irrpfad.de 😊.

PS: Meinen Instagram-Account gibt es aber weiterhin unter jannaenadius. Noch.


[1] . GAFAs : Inzwischen sicher jedem ein Begriff. Das Wort GAFA ist die Abkürzung für Google, Apple, Facebook und Amazon und wurde von der Europäischen Union eingeführt und gilt als Mahnung vor der Macht, die diese großen Unternehmen haben. Dabei geht es vor allen Dingen um den finanziellen Einfluss.

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von Jannae Nadius– Freie Autorin

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Jannae

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Das Gegenteil von gut ist gut gemeint (Essay)

Ein grundsätzlich fehlerhaftes System wird nicht über das Drehen an kleinen Stellschrauben weniger fehlerhaft.

(Ein Essay) Wieso wird in Deutschland aus so vielen Gesetzen, die aussehen wie eine Reform und eine Verbesserung, so oft ein de facto-Rückschritt?
In Deutschland ist nun ab 2022 endlich das Kükenschreddern verboten. Endlich! Die Tiere werden nicht mehr bei lebendigen Leib in einen Fleischwolf geworfen.
Und nun? Wie so oft hat keiner das Ganze zu Ende gedacht, als Letzter der Gesetzgeber. Jetzt sitzen die männlichen Hühner, die das Kükenalter dank Gesetz überlebt haben, drei Monate auf 0,056 m2, während ihre Schwestern wenigstens 0,075 zur Verfügung haben. Oft sind sie als Küken durch halb Europa gekarrt worden, um in Polen, den Niederlanden, Österreich oder Ungarn aufgezogen zu werden, weil es in Deutschland nicht genug Ställe gibt. Das vorm Schredder gerettet Küken wird zum Klimakiller. Außerdem bekommt es u.U. Soja aus Lateinamerika gefüttert. Wahlweise Tiermehl – ja, das Zeug, was im Zuge der BSE Krise 2001 verboten wurde, darf jetzt wieder eingesetzt werden, in der Schweinemast und der Geflügelzucht. Nein, wir lernen nicht. Aber das wissen wir ja spätestens seit der Coronakrise.
Zurück zum Hühnchen: Am Ende des kurzen Lebens wird es dann zu Frikasse oder Geflügelwürstchen, denn für was anderes ist das “minderwertige Fleisch” nicht zu gebrauchen, nicht als Brathähnchen, nicht als Filetstücke.
Zwischenfazit: was bringt es dem männlichen Küken, das es nicht mehr direkt nach dem Schlüpfen bei lebendigen Leibe geschreddert werden darf? Ein qualvolles Leben von 3 Monaten, auf engstem Raum, mit langen Transportwegen, schlechtem Futter und nur unwesentlich besseren Schlachtbedingungen als dem Fleischwolf.

Irgendwie geht das in der Logik in Richtung der Blühstreifen: erst deckt der Landwirt mit Hilfe von EU-Öko-Förderung den Insekten auf schönen Blühstreifen am Feldrand einen reichhaltigen Tisch, und wenn dann 30°C Grad herrschen und es ordentlich trocken ist, mäht er alles ab, sobald die gesetzliche Frist es ihm erlaubt – das ist spätestens in den Sommermonaten. Nichts überlebt, weder dort angesiedelte Arthropoden und ihre eventuell abgelegten Eigelege, noch eine Futterpflanze für die Tiere aus der Umgebung, seien es Insekten, Vögel oder Nager. Reptilien gibt es in unserem Grünland ja schon lange nicht mehr. Die wurden schon mit Einführung der Hand-Mähgerätes in den 20er Jahren nach und nach ausgerottet.

Und wenn man sich mal eingehender damit beschäftigen würde, fände man sicher noch eine Menge anderer solcher perverser Beispiele von Gesetzesreformen, die den erstrebten Zweck komplett ad absurdum führen. Das wirft die alte Frage von Max Weber nach dem Unterschied von Gesinnungs- und Verantwortungsethik auf, wenn gut gemeinte Gesetze es am Ende noch schlimmer machen, weil nicht zu Ende gedacht wurde. Welcher Ethik sollte ein Gesetz gerecht werden?

Vermutlich könnte man daraus ein Buch machen…

Übrigens, nebenbei bei meiner Recherche habe ich mit Erstaunen gelesen, dass Eier oft in Veggie-Produkten zum Einsatz kommen: Vegetarismus fördert bei Unachtsamkeit des  Konsumenten perverserweise also die Qual von Legehennen und indirekt ihrer Brüder. Und wenn das Ei im Veggie-Burger aus dem Ausland kam, dann wurden dafür auch Hähnchen geschreddert.
Ein Vegetarier, der es mit seinen Werten ernst meint, sieht also beim Kauf seiner Veggie-Produkte akribisch auf die Zutatenliste. Sonst wird auch jeder Verzicht auf Fleisch zum Wohle der Tiere ad absurdum geführt. Ei – in Veggieprodukten oft als Eipulver versteckt – sollte ein Vegetarier nur essen, wenn er weiß, wo es herkommt und unter welchen Bedingungen die Henne und seine Brüder gehalten wurden, sonst macht Vegetarismus aus moralischen Gründen wenig Sinn. Dann verhält er sich nicht besser als der deutsche Gesetzgeber mit seinen im Ergebnis absurden Gesetzen.

Vielleicht liegt es in der Natur der Sache: Wenn das ganze System krankt, macht man es mit kleinen Aktionen nicht unbedingt besser. Wenn wir eine Massentierhaltung haben, die nur ökonomischen Gesichtspunkten gehorcht, erreicht man mit dem Verbot von Kükenschreddern nichts. Wenn die konventionelle Landwirtschaft durch absurde GAP-Subventionen fern von ökologischen Notwendigkeiten agiert, dann retten auch keine  EU-finanzierten Blühstreifen.

Fazit: Ein marodes System wird nicht über kleine Stellschrauben weniger marode.

Inspiriert zum Thema und mich von da ausgehend weiter zum Recherchieren bewogen hat mich folgender Artikel:

rbb24: Mo 20.06.22 | 05:45 Uhr | Von Ute Barthel und Susett Kleine

Eier ohne Kükentöten: Ein wirklicher Fortschritt im Tierschutz?

-> Zur Nabu-Kritik der „hochkomplizierten, bürokratischen und ineffizienten Fördersystem der „Gemeinsamen Agrarpolitik der EU“ – kurz GAP“

(Foto: Pixabay)

 

 

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