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Kurzgeschichte von ca. 30 Normseiten, 2022.

(2033, in einer deutschen Kleinstadt)
“Hannah, bitte komm’ ganz schnell nach Hause!” Es klingt mehr nach einem erbärmlichen Hilferuf denn nach einem Befehl. Hannah stutzt und stellt den Ton lauter, während sie die leere Einkaufsstraße mit den vielen geschlossenen Geschäften entlangläuft, das Mobiltelefon in der rechten Hand, in der linken die Trainingstasche und im Ohr die Bluetooth-Kopfhörer.
“Eigentlich wollte ich erst in zwei Stunde zurückkommen, will noch ins Gym- wieso? Is’ irgendwas? Ist was passiert””, fragt sie beunruhigt.
Leon druckst herum. “Naja, also, ich bin ja gerade nach Hause gekommen. Hab’ das Auto in die Garage gestellt. Das Garagentor geschlossen…”.
“Ja? Und?” Hannah bleibt einen Moment stehen, blickt auf ein von innen mit Papier verhängtes Schaufenster einer ehemaligen Drogerie, als könne sie darauf das Gesicht ihres Mannes projizieren. Leon hat seltsamerweise nicht mit einem Videocall angerufen, wie er das sonst immer macht. Sie steht in der einsamen Einkaufsstraße und alles kommt ihr plötzlich spukhaft vor, wie sie dort steht, mit der Stimme ihres kläglich klingenden Mannes im Ohr, – den sie sonst immer auch auf dem Handydisplay sieht -, zwischen all’ den geschlossenen Gebäuden mit verhängten Schaufenstern, alles menschenleer. Ohne Leben. Es gibt nicht mal mehr Spatzen und Tauben hier, ohne Passanten, die Pommes und Farlafelkrümel fallen lassen. Ein Geschäft nach dem anderen hatte zugemacht, erst schossen an dessen Stelle noch Imbisse, Nagelstudios und kleine chinesische Geldwäschergeschäfte aus dem Boden, aber auch die haben nach und nach wieder zugemacht. Einzig einige schmierig aussehenden Döner-Buden, dubiose Shishabars und nach billigem Fett riechenden Asiafoods halten sich und sie sind der einzige Grund, warum Menschen überhaupt noch in die Innenstadt kommen. Die qualitativ besseren Schnellimbisse, die guten Döner- und Kebabläden eingeschlossen, findet man schon lange nicht mehr hier. Die Internetdatenrecherchen haben genau errechnet, wo sie heutzutage platziert sein müssen: Zum Beispiel an den Straßen zwischen den Bürokomplexen und den Wohngegenden, an denen jeder zwangsläufig abends nach Hause vorbeifährt, wenn er nicht gerade im Home-office arbeitet. Wer sich hier in der verlassenen ehemaligen Einkaufsmeile der Kleinstadt vereinzelt noch tummelt, arbeitet nicht. Und schon gar nicht in Büros. Es gibt hier nicht einmal mehr Bettler – wer sollte ihnen hier auch etwas geben?

Leon fährt hörbar verunsichert fort: “Und da wollte ich wie immer von der Garage aus durch die Tür ins Haus…”. Dann Pause am anderen Ende der Leitung. Hannah wartet innerlich stocksteif, dass Leon fortfahren möge. Alles ist gespenstisch still um sie. Sie hält die Luft an.
“Hannah, verdammt, ich komme nicht mehr aus der Garage raus!”, entfährt es ihm dann heftig, fast mit trotzigem Unterton und lässt damit die Katze aus dem Sack.
Hannah atmet wieder tief ein, erleichtert, fast so etwas wie aufkeimende Schadenfreude ermächtigt sich ihrer.
“Nee, das ist nicht dein Ernst?” Hannah schüttelt leicht-boshaft grinsend den Kopf, was jedoch niemand sieht, weder Leon am anderen Ende des Telefongerätes noch sonst jemand in dieser leergefegten Straße.
“Doch! Die Tür zur Wohnung öffnet sich nicht!” Leons Stimme überschlägt sich nun. “Auch das Garagentor nicht mehr. In das Auto komme ich auch nicht mehr rein. Alles ist blockiert. Alles. Ich bin eingesperrt!” Er klingt wie ein kleiner Junge, der vor Verzweiflung gleich heult. “Irgendwas ist mit dem Sensor nicht in Ordnung!”, schiebt er kleinlaut hinterher.
Hannahs Mitgefühl sinkt auf einen Tiefpunkt, in dem Maße, in dem ihre Genugtuung steigt.
“Du meinst das Scheißding, das du dir zwischen Kopfhaut und dem Neocortex hast einpflanzen lassen? Das so superverläßliche Teil, was dich Dinge mit den Gedanken steuern lassen kann? Das schummriges Licht im Wohnzimmer anmacht, romantische Musik auf Spotify sucht und abspielt, den Thermomix bedient, deiner Frau die Tür aufhält, dann für dich die passenden Liebeserklärungen mit Hilfe von LaMDA sucht, die du deiner Frau ins Ohr flüstern kannst – ein Sprachlogarithmus findet immer die richtigen Worte -, und am Ende noch den Aufräumroboter bedient, der die neben dem Ehebett verstreuten Kleidungsstücke einsammelt? Meinst du DEN Sensor?” Hannahs Tonfall ist zänkisch. (…)

(Ende der Leseprobe)

Diese Kurzgeschichte ist eine von mehreren zum Thema: Unser Alltag inmitten von digitaler Entwicklung, zunehmender Bedeutung von KI und Umweltproblemen, die auf einen tipping point zurasen, die ich in einem Sammelband erscheinen lassen werde. Eine weitere Kurzgeschichte daraus: „Verwesungsgeruch“, die du hier auch als Leseprobe findest.